Essay — Wie schnell bauen Länder?
Der Faktor zehn stimmt — und erklärt fast nichts
Stand der Antwort · Stand 2026-09-14
Die Frage ist inzwischen für drei Bauarten beantwortet, jeweils am fairsten Paar, das die Quellen hergeben: Frankreichs jüngste Schnellfahrstrecke entstand mit 4,6 Kilometern pro Monat und damit gut doppelt so schnell wie das deutsche Flachland-Vergleichsstück Hannover–Berlin (2,1); auf der Autobahn lieferte Texas bei gleichem vierstreifigem Querschnitt 0,9 Kilometer pro Monat gegen 0,23 an der A14; und beim Hochhaus baute Peking 5.400 Quadratmeter Geschossfläche pro Monat gegen 2.800 in San Francisco, obwohl das Pekinger Haus fast doppelt so hoch ist.
Die härtere Antwort steht nicht im Ländervergleich, sondern in der Zeit: Dieselben 2,1 Kilometer pro Monat schaffte Deutschland in den 1990er Jahren, heute sind es 0,41 bis 0,47, vier- bis fünfmal langsamer als es selbst, während sechs französische Strecken von 1985 bis 2017 ohne Trend in einem schmalen Band von 3,9 bis 6,9 liegen; die Schere geht auf, weil die deutsche Klinge zurückweicht.
Und ja, es gibt extreme Diskrepanzen, nur verlaufen sie nicht zwischen den Kontinenten: Die breiteste sauber messbare Lücke dieses Issues liegt zwischen zwei europäischen Demokratien, Spanien baute Madrid–Sevilla mit 8,6 Kilometern pro Monat (1987–1992), Großbritannien baut HS2 nach amtlichem Stand vom Mai 2026 mit 0,96 bis 1,17, Faktor 7,4 bis 9,0.
Die Frage
[01.08.] Geschwindigkeit der Implementierung: zum Beispiel, wie viele Jahre es pro Kilometer Zugstrecke in Frankreich und in Deutschland braucht — und man kann da interessante Vergleiche machen, indem man coole KPIs findet, wie viel Zugstrecke pro Monat oder so was. Oder das Gleiche für andere Sachen, die man baut. [05.08., Kurskorrektur] Die Hauptstory ist und bleibt: Geschwindigkeit. Wir brauchen Geschwindigkeit, und das ist das, was wir nicht haben. Die Leitfrage: Wie viel Zeit brauchen wir pro Kilometer Zugstrecke? Ich habe das bisher zu eng gesehen bzw. es wurde zu eng umgesetzt: Nicht nur Zugstrecke. Auch Autobahnstrecke, auch Höhe von Hochhäusern — und gern weitere Ideen, was Menschen bauen und woran man Bautempo messen kann. Vergleichsräume ausdrücklich auch subnational, nicht nur Länder-Aggregate: San Francisco, Texas, Europa (gesamt), Frankreich, Spanien, Italien, Teile von China, UK. Das Ziel: Ich will wissen, ob es extreme Diskrepanzen gibt. [05.08. 14:12, dieselbe Frage, zwei Stunden später] Und weiter zu speed: bei gebäuden... was ist wirklcih vergleichbar? ich denke der quadratmeter wohnfläche / gewerbefläche / industriefläche etc. der gedanke mit der höhe der gebäufe ist nicht so gut aber der quadratmetervergleich ist legit. And one more thing: this is waht inspired the question in the first place: https://patrickcollison.com/fast I feel lik in the future we will have to ask what makes something fast? I dont know. not for now. right now simply lets count the metric correctly.
Erich (Gründer), drei Äußerungen im O-Ton: Mail 2026-08-01 17:40, Gründer-Session 2026-08-05 (Notiz an Hans) und Mail 2026-08-05 14:12.
Der Faktor zehn
Die berühmte Zahl — Frankreich baut zehnmal so schnell — stimmt, und sie ist trotzdem die falsche Antwort auf die richtige Frage.
Es gibt einen Satz, den in Deutschland fast jeder kennt: Deutschland kann nichts mehr bauen. Er kommt selten allein. Meistens steht ein Nachbarland daneben, und meistens ist es Frankreich.
Die Zahlen scheinen ihn brutal zu bestätigen. Frankreichs jüngste Hochgeschwindigkeitsstrecke, die LGV Sud Europe Atlantique zwischen Tours und Bordeaux, ist 302 Kilometer lang. Wie lange sie gebaut wurde, müssen wir nicht schätzen: Der Konzessionär schreibt es selbst in seinen Bericht — 66 Monate. Das sind 4,6 Kilometer neue Schnellfahrstrecke pro Monat. Auf der deutschen Seite: die Neubaustrecke Wendlingen–Ulm, 60 Kilometer, 127 Monate vom ersten Spatenstich bis zur Inbetriebnahme — 0,47 Kilometer pro Monat. Ein Land baut rund zehnmal so schnell wie das andere.
Und damit niemand die 66 Monate für einen französischen Ausnahmezustand hält: Derselbe Bericht nennt als Erfahrungswert für große Bahnprojekte sechs Jahre Bauzeit im Schnitt. Die LGV SEA hat den internationalen Normalfall also knapp unterboten, nicht pulverisiert. Das macht den deutschen Wert daneben härter, nicht weicher.
So könnte die Schlagzeile lauten. Sie wäre nicht falsch. Sie wäre unehrlich.
Denn die beiden Strecken bauen nicht dasselbe. Die LGV SEA läuft durch französisches Flachland, praktisch ohne Tunnel. Wendlingen–Ulm quert die Schwäbische Alb: zwölf Tunnel, 61 Kilometer Tunnelröhre auf 60 Kilometer Strecke. In dieser Strecke steckt mehr Röhre als Strecke. Eine Röhre durch Fels zu treiben ist etwas anderes, als Gleis auf eine Ebene zu legen.
Das ist der Punkt, an dem die meisten Vergleiche aufhören — und an dem dieser hier anfängt. Denn die Frage »Wer baut schneller?« ist beantwortbar, wenn man sie ernst nimmt: Man braucht faire Paare. Flachland gegen Flachland. Dieselbe Bauart. Dieselbe Uhr, mit derselben Definition von »Baubeginn«. Wir haben über zwei Wochen genau solche Paare gesammelt — auf der Schiene, auf der Autobahn, im Hochhausbau, in vier Ländern und über 35 Jahre.
Das Ergebnis ist nicht das, was der Satz behauptet. Es ist unbequemer.
Der Faktor zehn schrumpft, sobald man fair vergleicht — auf etwa zwei. Aber genau da, wo er schrumpft, öffnet sich eine andere Lücke, und die zeigt nicht über den Rhein, sondern in die deutsche Vergangenheit. Sie liegt außerdem nicht dort, wo alle sie vermuten: nicht auf der Baustelle. Und die größte saubere Bau-Diskrepanz, die wir in diesem ganzen Issue messen konnten, verläuft nicht zwischen Kontinenten oder Wirtschaftssystemen — sie verläuft quer durch Europa.
Eine Vorwarnung, die wir uns selbst gegeben haben: Wir zeigen im Folgenden keine einzige Zahl ohne ihren Maßstab. »Schnell« heißt nichts, solange nicht daneben steht, wobei, wo und ab wann gerechnet. Wo uns eine Zahl fehlt, sagen wir das, statt die Lücke zu füllen.
Kilometer Neubaustrecke je Monat Bauzeit, aus den rohen Operanden gerechnet: 302 km in 66 Monaten gegen 60 km in 127 Monaten — Faktor 9,7. Die Achse ist linear und beginnt bei null; eine gebrochene oder logarithmische Achse würde genau den Abstand kleiner machen, der hier die Aussage ist. Und der Abstand ist nicht nur eine Frage der Bauweise: Auf den 60 km Wendlingen–Ulm liegen 61 km Tunnelröhre in 12 Tunneln — mehr Röhre als Strecke. Wer die beiden Balken ohne diese Zeile liest, sieht eine Landeskultur, wo eine Geologie steht.
Quelle LISEA (Konzessionär LGV Sud Europe Atlantique), Bilan LOTI intermédiaire, S. 17 — »Les travaux de construction ont duré 66 mois«; VINCI (Generalunternehmer) für die Streckenlänge; DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH (Neubaustrecke Wendlingen–Ulm) — je Bauherrenangabe zu Länge, Baubeginn und Inbetriebnahme
Die Hälfte ist Geologie
Mehr als die Hälfte des berühmten Faktors zehn ist Gestein, nicht Landeskultur — im fairen Flachland-Paar bleibt gut das Doppelte übrig.
Wenn ein Vergleich hinkt, hilft kein besseres Adjektiv, sondern ein besseres Paar. Wir brauchten also ein deutsches Projekt ohne Alb: flach, ohne nennenswerte Tunnel, groß genug, um mit 302 französischen Kilometern in einem Satz zu stehen.
Es existiert. Die Schnellfahrstrecke Hannover–Berlin, im Bedarfsplan als »Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 4« geführt, durchquert die norddeutsche Ebene mit wenigen Kunstbauten. Rund 150 Kilometer Neubaustrecke, 70 Monate Bauzeit: 2,1 Kilometer pro Monat.
Gegen die französischen 4,6 steht damit nicht mehr Faktor zehn, sondern gut das Doppelte. Mehr als die Hälfte der brutalen Ausgangszahl war die Schwäbische Alb, nicht die Nation. Das ist der erste Rosling-Moment dieses Issues: Der Vergleich, den alle im Kopf haben, misst zu ungefähr der Hälfte Gestein.
Zwei Ehrlichkeiten gehören sofort dazu, und beide machen die Zahl weicher, nicht härter.
Erstens hängt die 2,1 an einer Ankerwahl. Die amtliche Berichtsreihe des Bundes nennt für dasselbe Projekt den Baubeginn 1991, nicht 1992; ab da gerechnet sind es 1,7 bis 1,9 Kilometer pro Monat, und der Faktor wächst auf gut zweieinhalb. Auch die Streckenlänge und das Baubeginndatum der Neubaustrecke selbst haben wir nur sekundär belegt — das Finding steht deshalb auf einer bewusst niedrigen Vertrauensstufe, und wir schreiben das hier hin, statt es im Kleingedruckten zu lassen. An der Größenordnung ändert keine der Varianten etwas: Frankreich baute im Flachland ungefähr doppelt bis zweieinhalbmal so schnell.
Zweitens ist der Vergleich nicht epochenrein. Die LGV SEA entstand 2012 bis 2017, Hannover–Berlin 1992 bis 1998. Wir stellen also das Frankreich von heute dem Deutschland von vorgestern gegenüber. Das ist kein Rechenfehler, sondern eine offene Flanke — und zwar die interessanteste des ganzen Issues. Sie führt direkt in den nächsten Abschnitt.
Bleibt eine dritte Zahl, die verhindert, dass Wendlingen–Ulm als Einzelskandal davonkommt. Die Neubaustrecke Ebensfeld–Erfurt, ebenfalls Mittelgebirge, ebenfalls tunnelreich, kam auf 0,41 Kilometer pro Monat. Zwei unabhängige deutsche Gebirgsprojekte landen also bei 0,4 bis 0,5. Das ist keine Ausreißerbaustelle, das ist eine Baseline. Deutschland baut im Gebirge verlässlich langsam — und die ehrliche Anschlussfrage lautet nicht, ob Frankreich es besser könnte, sondern was Deutschland selbst im Flachland noch schafft.
Quelle BMV, Sachstandsbericht Verkehrsprojekte Deutsche Einheit (Stand Juli 2025), Projektblatt VDE Nr. 4, mit Zweitbeleg Bundestags-Drucksache 13/11468; Gegenstück: VINCI zur LGV Sud Europe Atlantique
Deutschland gegen Deutschland
Der ehrlichste Vergleich ist nicht Deutschland gegen Frankreich, sondern Deutschland gegen sein eigenes Jahrzehnt — und der fällt schlechter aus als der mit dem Nachbarn.
Das Flachland-Paar hat den Faktor halbiert. Es öffnet aber auch eine Tür, durch die man ungern geht: Hannover–Berlin war auch Deutschland. Nur das Deutschland der 1990er.
Stellt man diesen Wert nicht neben Frankreich, sondern neben die deutsche Gegenwart, sieht er anders aus. 2,1 Kilometer pro Monat damals. 0,41 bis 0,47 heute. Das Land ist gegen sich selbst um das Vier- bis Fünffache langsamer geworden. Der Abstand zum eigenen Jahrzehnt ist damit größer als der zum Nachbarn.
Jetzt kommt der Test, an dem sich entscheidet, ob das eine Geschichte ist oder ein Artefakt. Wenn eine Schere aufgeht, hat sich mindestens eine ihrer Klingen bewegt. Welche?
Frankreich hat dieselbe Frage über 35 Jahre beantwortbar gemacht — und die Antwort ist langweilig, was hier die stärkste Sorte Antwort ist. Sechs französische Hochgeschwindigkeitsstrecken von 1985 bis 2017 liegen alle in einem schmalen Band von 3,9 bis 6,9 Kilometern pro Monat, Median 4,6. Kein Abwärtstrend, kein Aufwärtstrend. Die LGV Est, gebaut 2002 bis 2007, kam auf 4,6 — auf die Nachkommastelle derselbe Wert wie die zehn Jahre jüngere LGV SEA. Frankreich baut heute so schnell wie vor fünfunddreißig Jahren. Der Rekord der ganzen deutsch-französischen Karte, die LGV Nord mit 6,9 Kilometern pro Monat, stammt aus dem Jahr 1989.
Die französische Klinge steht still. Die Schere geht auf, weil die deutsche zurückweicht.
Das ist der Satz, um den es in diesem Issue geht, und er ist unangenehmer als der Satz vom Anfang. »Deutschland kann nicht bauen wie Frankreich« wäre eine Aussage über einen Unterschied zwischen zwei Ländern — vielleicht über Rechtssysteme, Löhne, Mentalitäten. »Deutschland baut viermal langsamer als Deutschland« ist eine Aussage über einen Verlust. Dieselben Gesetze, dieselbe Sprache, dieselbe Bahn, dreißig Jahre Abstand.
Drei Ehrlichkeiten halten das im Rahmen.
Erstens sind Topographie und Epoche in diesem Vergleich verschränkt: Hannover–Berlin war flach, die beiden 2010er-Strecken sind Mittelgebirge. Man kann die beiden Effekte mit diesen Daten nicht sauber trennen.
Zweitens — und das ist selbst ein Befund, inzwischen ein gezählter — gibt es kein aktuelles deutsches Flachland-Großprojekt, an dem man den reinen Zeiteffekt messen könnte. Wir haben das nicht vermutet, sondern nachzählen lassen, und zwar nicht aus dem Gedächtnis, sondern gegen die vollständige amtliche Vorhabenliste des Bedarfsplans Schiene: 59 Vorhaben. Dreizehn tragen überhaupt einen Neubauabschnitt im Titel. Vier davon haben in den 2010er oder 2020er Jahren wirklich neu gebaut. Im Flachland, ohne nennenswerten Tunnelanteil: keines. Null von 59.
Das schwächt den Vergleich dieses Kapitels nicht, es schärft ihn. Deutschland gegen Deutschland lässt sich topographisch nicht sauber führen — weil das Land in den 2010ern im Flachland gar nichts Neues mehr gebaut hat. Verändert hat sich nicht nur das Tempo, sondern die Art des Projekts.
Ein Missverständnis muss dabei ausgeschlossen bleiben, und der researcher hat ausdrücklich darum gebeten: Das heißt nicht »Deutschland baut nur noch Tunnel«. Die vier Projekte liegen dort, wo im Netz noch Lücken waren. Das ist eine Auswahl der Geographie, keine Vorliebe.
Ein flaches deutsches Bahn-Großprojekt der Gegenwart existiert übrigens doch — es ist nur keine Neubaustrecke. Der dreigleisige Ausbau Emmerich–Oberhausen läuft über 73 Kilometer am flachen Niederrhein. Deutschland und die Niederlande haben ihn am 31. August 1992 vereinbart; gebaut wird seit Januar 2017, im Berichtsjahr 2023 hatten mehrere Abschnitte noch keinen Planfeststellungsbeschluss. Das Projekt läuft im 34. Jahr. Eine Kilometer-pro-Monat-Zahl bilden wir daraus bewusst nicht: Ausbau je Kilometer ist nicht Neubau je Kilometer, das wäre eine Scheinzahl. Was dieser Fall trägt, ist die Kalenderzeit — und die trägt hier genug.
Drittens enthält die 0,41 von Ebensfeld–Erfurt einen mehrjährigen Finanzierungs-Baustopp. Sie misst Kalenderzeit, nicht durchgehende Bauleistung. Bereinigt läge sie näher an 0,48 — was den Befund verschiebt, aber nicht kippt.
Und genau dieser dritte Punkt ist die eigentliche Spur. Ein Baustopp ist keine Bauleistung. Er ist eine Wartezeit. Die nächste Frage lautet deshalb nicht, wie schnell gebaggert wird — sondern wie viel von der Uhr überhaupt auf der Baustelle verstreicht.
Hier entsteht eine Figur. Ihre Form ist entschieden, sie ist noch nicht gezeichnet. Sie soll zeigen: Dass sich die Schere öffnet, weil die deutsche Linie fällt — nicht, weil die französische steigt. Die französische soll langweilig aussehen.
Quelle Bilans LOTI der französischen Hochgeschwindigkeitsstrecken (Serie 1985–2017, IGEDD-Server) sowie BMV-Sachstandsbericht VDE 2025 und DB Projekt Stuttgart–Ulm für die deutschen Werte
Die Lücke vor dem Spatenstich
Die deutsche Langsamkeit sitzt nicht auf der Baustelle und auch nicht im Genehmigungsverfahren, sondern in der Wartezeit zwischen fertigem Baurecht und fließendem Geld.
Wenn die deutsche Baustelle langsamer geworden ist, liegt der Verdacht nahe, dass es an der Baustelle liegt. Er ist falsch, und man sieht das am besten, wenn man erst den bequemsten Reflex kassiert.
Der Reflex geht so: Frankreich baut einfach, Deutschland verplant sich. Prüfen wir ihn. Wendlingen–Ulm wurde 1993 gesetzlich im Bedarfsplan verankert; der erste Spatenstich fiel im Mai 2012. Dazwischen liegen 19 Jahre — rund 64 Prozent der Projektdauer, verstrichen, bevor der erste Bagger anrückte. Ein Skandal, sagt der Reflex.
Die LGV Est brauchte von der Regierungsmission Essig 1989 bis zum ersten Bagger 2002 13 Jahre. Das sind rund 71 Prozent ihrer Projektdauer — ein höherer Anteil als auf der deutschen Seite. Lang zu planen ist keine deutsche Krankheit, sondern der Normalzustand des europäischen Schnellbahnbaus. In beiden Ländern ist die Uhr zu gut zwei Dritteln abgelaufen, bevor gebaut wird.
Damit ist der Reflex erledigt — und die interessante Frage steht erst am Anfang. Denn die Wartezeit sitzt in den beiden Ländern nicht an derselben Stelle.
Frankreich verliert sie vor der Genehmigung. Die Serie ist eindeutig und wächst monoton: Bei der LGV Nord begann der Bau zwei Monate vor der Gemeinnützigkeitserklärung, bei der Atlantique neun Monate danach, bei der Est 68, bei der CNM Nîmes–Montpellier 105 Monate — knapp neun Jahre zwischen fertiger Genehmigung und erstem Beton. Frankreich wird nicht langsamer beim Bauen. Es wird langsamer beim Anfangen.
Deutschland verliert sie danach. Und hier liegt der Datenpunkt, der dieses Kapitel trägt. Alle acht Planfeststellungsabschnitte der Neubaustrecke Erfurt–Gröbers waren bis Juli 1996 baureif genehmigt. Gebaut wurde 2001 bis 2006 — im Median 9,8 Jahre später. Die Finanzierungsvereinbarung kam erst 2003; dazwischen lag ein Baustopp. Das Baurecht lag ein Jahrzehnt fertig in der Schublade, während das Geld tröpfelte.
Das ist etwas anderes als eine langsame Behörde. Ein Genehmigungsverfahren, das lange dauert, prüft wenigstens. Ein fertiges Baurecht, das auf einen Haushaltstitel wartet, prüft nichts mehr — es altert nur. Und Baurecht altert schlecht: Was 1996 genehmigt war, ist 2006 in Teilen überholt.
Das reinste Exemplar dieser These steht direkt neben dem Referenzprojekt dieses Essays. Auf genau der Achse Hannover–Berlin, deren Neubaustrecke zwischen 1991 und 1998 geplant und gebaut wurde, wartet der Restausbau der alten Stammstrecke bis heute auf den ersten Spatenstich. Die Lehrter Stammbahn steht seit dem Bedarfsplan 2004 im höchsten Dringlichkeitsrang, damals mit 468 Millionen Euro und dem amtlichen Vermerk, die Planfeststellung sei »im Zuge des VDE Nr. 4 bereits erfolgt«. Zwanzig Jahre später steht sie bei 876 Millionen Euro (+87 Prozent), trägt den Status »in der Planung« und hat 2,8 Prozent ihrer Mittel verbaut.
Dieselbe Trasse. Die Neubaustrecke brauchte sieben Baujahre. Ihr Restausbau steht seit zwei Jahrzehnten ganz oben auf der Liste, ohne dass ein Bagger anrückt — und wurde im Warten teurer als manches gebaute Projekt.
Drei Vorbehalte gehören dazu, und sie ändern die Größenordnung nicht: Die Zuschnitte von 2004 und 2023 sind nicht deckungsgleich (141 gegen 135 Kilometer), eine Planfeststellung von 2004 gilt 2023 kaum noch, und die verbauten 24,4 Millionen sind Planungs-, keine Bauleistungen.
Was hier gemessen wird, ist also nicht Bauunfähigkeit. Es ist eine Pipeline, in der die teuerste Ressource nicht Beton ist, sondern Wartezeit — und in der niemand die Wartezeit bezahlt, weil sie in keiner Baukostenrechnung auftaucht.
Hier entsteht eine Figur. Ihre Form ist entschieden, sie ist noch nicht gezeichnet. Sie soll zeigen: Dass die Uhr eines Projekts in beiden Ländern zum größten Teil abgelaufen ist, bevor der erste Bagger anrückt — und dass die Wartezeit in Deutschland und Frankreich an verschiedenen Stellen der Kette sitzt.
Quelle Bundestags-Drucksache 18/580 (Baubeginne VDE 8.2) und die Planfeststellungsdaten der Abschnitte Erfurt–Gröbers; Bilans LOTI der französischen Strecken für die DUP-Reihe; DB Projekt Stuttgart–Ulm und RFF/CGEDD für das Planungszeit-Paar
Und dann doch die Baustelle
Auch im selben Gewerk und ohne einen einzigen Berg dazwischen bleibt eine Lücke von zwanzig bis dreißig — und ihr Mechanismus heißt Parallelität, nicht Fleiß.
Der Abschnitt »Die Lücke vor dem Spatenstich« hat diese Wartezeit zum Hauptposten erklärt. Wenn das die ganze Geschichte wäre, müsste die deutsche Baustelle selbst ungefähr so schnell sein wie die französische, sobald sie einmal läuft. Ist sie nicht. Und das lässt sich mittlerweile im selben Gewerk messen, ohne einen einzigen Tunnel im Vergleich.
Zuerst der französische Anker. Die LGV SEA baute 340 Kilometer Erd- und Ingenieurbau in 38 Monaten — 8,9 Kilometer pro Monat. Die reine Erdbewegung lief auf 15 gleichzeitig arbeitenden Losen und kam auf 11,3. Das ist kein Baggertempo. Ein Bagger in Frankreich ist nicht schneller als einer in Thüringen. Das ist Organisationstempo.
Dann das deutsche Pendant, das es tatsächlich gibt: Im Dezember 2012 feierte die Bahn den Abschluss des Erdbaus auf 100 Kilometern zwischen Erfurt und Gröbers — dasselbe Ereignis wie in Frankreich, nur kleiner. Mit den amtlichen Baubeginnen ergibt das 0,7 bis 1,1 Kilometer pro Monat, also Faktor 8 bis 12.
Und hier kippt die Topographie-Ausrede im Gewerk selbst: Die schnellere französische Strecke bewegte je Kilometer rund sechsmal mehr Erde als die langsamere deutsche (318.000 gegen 55.000 Kubikmeter). Die langsamere Baustelle hatte im Erdbau weniger zu tun, nicht mehr.
Die sauberste Widerlegung ist aber die zweite: flach gegen flach. Der tunnelfreie 30-Kilometer-Abschnitt im Thüringer Becken lief mit 0,35 bis 0,5 Kilometern Erdbau pro Monat. Gegen die ebenso flache Terrassement-Phase der SEA sind das Faktor 22 bis 32. Kein Berg dazwischen — und trotzdem eine Zwanzigerlücke.
Bleibt die Frage, was das Organisationstempo eigentlich ist. Die Antwort steht in einer Reihe, die inzwischen dreifach belegt ist. Die LGV SEA (VINCI) baute 340 Kilometer Rohbau in 38 Monaten. Die LGV BPL (Eiffage) brauchte für 182 Kilometer — die halbe Länge — dasselbe Fenster von rund 30 Monaten. Die LGV CNM (Bouygues) zog 80 Kilometer in 24 bis 27 Monaten durch, mitten durch die Cévennen-Fluten des Herbstes 2014, Termin gehalten.
Drei im Wettbewerb stehende Konzerne, drei sehr verschiedene Streckenlängen, ein Kalenderfenster von rund zwei Jahren. Die Kilometerrate fällt mit der Länge (11,3 → rund 7 → rund 3), das Fenster bleibt — weil die Zahl der gleichzeitig bebauten Lose mitwächst. Wer viermal so lang baut, nimmt viermal so viele Baustellen.
Das ist die Bauform, nicht der Bauherr. Und es ist auch keine französische Nationaleigenschaft: Parallelität kostet Geld, das vorab bereitstehen muss. Wer sein Projekt aus einem Haushaltsjahr ins nächste finanziert, kann nicht fünfzehn Lose zugleich öffnen. Der deutsche Finanzierungstakt aus dem Abschnitt »Die Lücke vor dem Spatenstich« und das deutsche Baustellentempo aus diesem sind vermutlich dieselbe Ursache, zweimal gemessen.
»Vermutlich« ist hier wörtlich gemeint. Wir haben die Korrelation, nicht den Beleg. Drei nicht-topographische Kandidaten bleiben im Rennen — Parallelität der Lose, Finanzierungstakt, Termindruck —, und keiner von ihnen ist bisher gegen die anderen ausgemessen.
Hier entsteht eine Figur. Ihre Form ist entschieden, sie ist noch nicht gezeichnet. Sie soll zeigen: Dass drei französische Strecken ganz verschiedener Länge dasselbe Kalenderfenster brauchen — und dass die deutsche Vergleichsstrecke dieses Fenster um ein Vielfaches reißt. Der Leser soll die Konstante sehen, nicht die Kilometer.
Quelle VINCI und IESF (Erd- und Ingenieurbau LGV Sud Europe Atlantique), Oc'Via/Bouygues (LGV CNM), SNCF Réseau und Eiffage (LGV BPL, Synthèse Bilan LOTI), Deutsche Bahn (Erdbau-Abschluss Erfurt–Gröbers, Dezember 2012) und Bundestags-Drucksache 18/580 (amtliche Baubeginne)
Es ist nicht die Schiene
Der westliche Tempo-Rückstand ist keine Eigenschaft des Bauens, sondern der Bauart — und er wächst genau dort, wo öffentliche Genehmigung und öffentliches Geld im Spiel sind.
Bis hierher könnte alles eine Eigenheit des Schienenbaus sein. Ein Verkehrsträger, ein Bundesunternehmen, ein besonders zäher Genehmigungspfad. Also haben wir die Frage aus der Schiene herausgetragen — auf die Straße und in die Vertikale.
Die Straße. Texas' Grand Parkway lieferte 84 Kilometer Schnellstraße samt 84 Brücken in gut dreieinhalb Jahren: 1,8 bis 2,0 Kilometer pro Monat. Die zeitgleich begonnene A14-Nordverlängerung brauchte für 14,8 Kilometer 65 Monate: 0,23. Das ist Faktor rund acht auf der Baustelle.
Zwei Kontrollen, die den bequemsten Einwand kassieren. Der Einwand lautet: Texas baut breite Design-Build-Autobahnen, die A14 ist ein anderes Ding. Also der Test — das vierstreifige Segment E, konventionell in vier Losen vergeben, genau wie in Deutschland: 24,5 Kilometer in rund 27 Monaten, 0,9 km/Monat. Gleicher Querschnitt, gleiches Vergabemodell, immer noch Faktor rund vier. Und die zweite: Beide Korridore begannen im Herbst 2011. Houston hatte nach 128 Monaten 169,5 Kilometer Ring unter Verkehr, die A14 nach 176 Monaten 35,8 von 155 Kilometern — Faktor rund 6,5.
Ein Detail aus diesem Vergleich bleibt hängen: Stendal bekam am 29. Juni 2026 seinen ersten Autobahnanschluss überhaupt, fünfunddreißig Jahre nach der Einheit. Houstons Ring war da seit vier Jahren komplett.
Die Vertikale. Und hier kippt die Erwartung. Wir haben die höchsten Bürotürme zweier Städte verglichen, nicht über die Höhe, sondern über die Fläche: Wie viele Quadratmeter entstehen pro Monat? Pekings CITIC Tower baute rund 5.400 Quadratmeter im Monat, San Franciscos Salesforce Tower rund 2.800. Faktor 1,9. Über die standardisierte Datenbank der Hochhaus-Instanz CTBUH nachgerechnet: 2,0 bis 2,2.
Auf der Schiene Faktor 8 bis 12. Auf der Autobahn 6,5 bis 8. Beim komplexesten Bauwerk überhaupt — und obwohl Peking das fast doppelt so hohe, statisch anspruchsvollere Haus stellte — schrumpft der Abstand auf unter zwei.
Das ist die Rosling-Pointe dieses Issues, und sie zeigt in eine unbequeme Richtung. Wäre der westliche Rückstand eine Frage von Arbeitsmoral, Lohnkosten oder Bautechnik, müsste er beim schwierigsten Bauwerk am größten sein. Er ist dort am kleinsten. Was die drei Bauarten unterscheidet, ist nicht die Schwierigkeit — es ist, wie viele Grundstücke, Anlieger, Behörden und Haushaltsjahre zwischen der Entscheidung und dem ersten Bagger liegen. Ein Turm steht auf einem Grundstück. Eine Autobahn liegt auf tausend.
Zwei Ehrlichkeiten, und sie wiegen hier schwerer als anderswo. Erstens sind das drei Paare, keine Reihe. Wir zeichnen bewusst keine Linie durch die drei Punkte und leiten keine vierte Bauart daraus ab; das Gefälle-Finding steht deshalb auf einer niedrigen Vertrauensstufe, und dieser Abschnitt ist die schwächste Stelle des Essays. Zweitens vergleichen wir hier über Rechtsräume mit sehr verschiedenen Eigentums- und Beteiligungsrechten. Dass Peking schneller baut als San Francisco, ist auch eine Aussage darüber, wen man in Peking nicht fragen muss. Der kleine Faktor ist die Nachricht, nicht der große.
Offen an dieser Stelle
- Für das Bauart-Gefälle fehlt eine vierte Bauart mit anderem Eigentums- und Genehmigungsregime — Kandidat: Umspannwerk/Netzanschluss oder Wohnungsbau im Bestand, jeweils Deutschland gegen ein Vergleichsland. Drei Punkte tragen eine Richtung, aber keine These. → researcher
Hier entsteht eine Figur. Ihre Form ist entschieden, sie ist noch nicht gezeichnet. Sie soll zeigen: Dass der Abstand systematisch kleiner wird, je privater und je komplexer die Baustelle ist — und dass ausgerechnet das schwierigste Bauwerk den kleinsten Abstand hat.
Quelle CTBUH/Council on Tall Buildings (Höhen- und Termindefinitionen, standardisierte Geschossflächen) für das Hochhaus-Paar; Texas Department of Transportation / Grand Parkway Association und DEGES / Bundestags-Angaben für das Autobahn-Paar; die Schienen-Rohbauwerte aus den Findings dieses Issues
Die größte Lücke liegt in Europa
Die breiteste messbare Bau-Lücke dieses Issues liegt nicht zwischen Kontinenten oder Wirtschaftssystemen, sondern zwischen zwei europäischen Demokratien — und die langsamere Seite entfernt sich von ihrem eigenen Ziel schneller, als die Zeit vergeht.
Was glauben die meisten? Dass die krassen Bau-Unterschiede zwischen den Systemen liegen — zwischen China und dem Westen, zwischen Autokratie und Rechtsstaat. Die bisherigen Paare legen das nahe, und der Hochhausvergleich hat es schon leise widerlegt.
Was sagen die Daten? Die breiteste sauber messbare Lücke dieses ganzen Issues verläuft zwischen zwei europäischen Demokratien mit vergleichbarem Lohnniveau.
Spanien baute seine erste Schnellfahrstrecke, Madrid–Sevilla, zwischen 1987 und 1992: 471 Kilometer, 54,5 Monate, alle Gewerke von der ersten Erdbewegung bis zum fahrenden Zug — 8,6 Kilometer pro Monat. Großbritannien baut HS2 zwischen London und Birmingham: 225 Kilometer, amtlicher Stand vom Mai 2026, Eröffnung frühestens Mai 2036 — 0,96 bis 1,17 Kilometer pro Monat.
Auf identischer Basis, gleich definiert, gleiche Uhr: Faktor 7,4 bis 9,0. Grob das Achtfache. Das ist der langsamste Datenpunkt, den wir in einem reichen Land im Jahr 2026 gefunden haben — und die schnellste Zahl daneben stammt aus einem Land, das damals gerade erst dabei war, zur europäischen Spitzengruppe aufzuschließen.
Die zweite Zahl ist schlimmer als die erste, weil sie keine Momentaufnahme ist, sondern eine Bewegung. Drei amtliche Fixpunkte:
2016 urteilte der britische Rechnungshof: Eröffnung der ersten Phase 2026 — damals zehn Jahre entfernt. 2020, bei der Baufreigabe, nannte das Verkehrsministerium das Fenster 2029 bis 2033. 2026 heißt das amtliche Fenster 2036 bis 2039.
Das Eröffnungsziel wanderte in zehn verstrichenen Jahren um zehn bis dreizehn Jahre. Der Horizont entfernt sich um rund ein Jahr pro Kalenderjahr. Nach zehn Jahren Arbeit ist die Ziellinie amtlich weiter weg als beim Start.
Drei Grenzen halten das ehrlich, und eine davon ist eine Korrektur an uns selbst.
Erstens war das Ziel von 2016 ein Planungs-, kein Bauversprechen. Der Einwand zählt — aber genau diese Sorte Versprechen ist die Vergleichsbasis der Projekte, die ihr Fenster hielten: Frankreichs SEA wurde 2011 versprochen und im Juli 2017 pünktlich geliefert, Madrid–Sevilla 1986 beschlossen und 1992 in Betrieb genommen.
Zweitens wanderte der Zuschnitt mit: 2016 galt Euston als Endpunkt, die 2026er Fenster gelten für Old Oak Common. Das lindert die Drift. Gegen die Definition von 2016 wären es 14 bis 17 Jahre.
Drittens — und das ist der Punkt, an dem wir eine eigene Zahl zurückgenommen haben. Zu diesem Paar gehörte ursprünglich ein Kostenfaktor von grob 40 bis 50. Er steht in diesem Abschnitt nicht mehr als Zahl, weil sich am 6. August herausgestellt hat, dass die spanische Seite nicht amtlich gedeckt ist: Adif führt Eröffnung, Länge und Bauwerksmengen der Strecke, nennt aber weder Baubeginn noch Investitionssumme. Die spanische Kostenangabe stammt allein aus dem Fachorgan der spanischen Bahnstiftung. Wir haben den Faktor daraufhin nicht fester gemacht, sondern weicher — er ist eine Hausnummer mit belegter Herkunft, kein gemessener Wert, und er bekommt in diesem Essay keine Grafik.
Der Tempo-Faktor ist davon unberührt. Er ruht auf zwei einzeln belegten, gleich definierten Zahlen, und er ist die feste Seite dieses Paars.
Hier entsteht eine Figur. Ihre Form ist entschieden, sie ist noch nicht gezeichnet. Sie soll zeigen: Dass die Ziellinie schneller zurückweicht, als der Läufer läuft. Der Leser soll den Moment sehen, in dem das Eröffnungsjahr am Betrachtungsjahr vorbeizieht.
Quelle Adif (Eröffnung, Länge und Bauwerksmengen Madrid–Sevilla) mit Vía Libre/FFE für Baubeginn und Investitionssumme; NAO »Progress with preparations for High Speed 2« (Juni 2016), DfT Full Business Case (April 2020) und DfT Accounting Officer Assessment (Mai 2026) für HS2
Der Malus ist Zeit, nicht Geld
Beim Preis je Kilometer streut Deutschland im eigenen Land stärker, als es sich vom Nachbarn unterscheidet — der Unterschied, der bleibt, ist nicht der Preis, sondern die Treue zum eigenen Versprechen.
Wenn ein Land langsamer baut, liegt der nächste Verdacht nahe: Es baut auch teurer. Der Verdacht ist prüfbar, und er hält nicht.
Die französische LGV kostete rund 26 Millionen Euro je Kilometer. Die deutsche VDE 8.2 zwischen Erfurt und Leipzig/Halle liegt bei rund 24 Millionen — nominal praktisch gleichauf, obwohl sie Mittelgebirge mit Tunneln und Talbrücken quert. Wendlingen–Ulm dagegen liegt bei rund 62 Millionen: gut beim Doppelten des französischen Niveaus und zweieinhalbmal über der deutschen Vergleichsstrecke.
Der interessante Bruch verläuft also nicht zwischen Deutschland und Frankreich, sondern innerhalb Deutschlands. Ein deutsches Projekt auf französischem Kostenniveau, ein anderes beim Zweieinhalbfachen — getrieben vor allem durch die 61 Kilometer Tunnel unter der Alb. »Deutschland baut teuer« ist zu grob: Die Streuung im eigenen Land ist größer als der Abstand zum Nachbarn.
Und dasselbe Muster wiederholt sich in den anderen beiden Bauarten, jedes Mal gegen die Erwartung. Bei der Autobahn liegen die Kosten je Kilometer in derselben Größenordnung — die A14 bei rund 14,8 Millionen Euro, die texanischen Segmente bei 13 bis 17 Millionen Dollar; je Fahrstreifen-Kilometer ist die A14 eher günstiger. Beim Hochhaus kostete der Quadratmeter im Pekinger CITIC Tower rund 8.700 bis 8.900 Dollar, im Salesforce Tower rund 7.200 bis 7.600 — kein China-Rabatt, sondern Parität in einem Band von 0,85 bis 1,25.
Dreimal dieselbe Antwort: Der westliche Malus ist Zeit, nicht Geld.
Zwei Ehrlichkeiten, die diesen Absatz kleiner machen, als er klingt. Alle diese Werte sind nominale Beträge verschiedener Preisstände; ohne amtliche Inflationsbereinigung zeigen wir Größenordnungen, keine Faktoren. Und das Hochhaus-Kostenpaar steht auf der niedrigsten Vertrauensstufe dieses Issues — drei Gebäude, Investitions- gegen Baukostenbegriff, Schätzung gegen Abrechnung. Wir führen es, weil es dieselbe Richtung zeigt wie Schiene und Autobahn, nicht weil eine einzelne Ziffer trägt.
Es gibt allerdings eine Geldfrage, bei der die Länder wirklich auseinanderlaufen, und sie ist nicht der Preis, sondern das Versprechen. Hält ein Projekt, was es bei der Genehmigung gesagt hat?
Der reine Bundesanteil an Wendlingen–Ulm hat sich seit der Haushaltsaufnahme 2009 von 0,92 auf 2,88 Milliarden Euro verdreifacht. Die LGV Est wurde am Ende 10,5 Prozent teurer als genehmigt und zehn Monate später fertig — perimeterbereinigt +9,6 Prozent. Ein zweistelliger Prozentsatz gegen einen Faktor: Bei der Budgettreue liegen die beiden Länder nicht Prozente auseinander, sondern eine Größenordnung.
Aber auch dieser Befund ist im eigenen Land uneinheitlicher als zwischen den Ländern. Das deutsche Flachland-Referenzprojekt Hannover–Berlin liegt über 31 Jahre bei −0,9 bis +9,0 Prozent gegen seine erste amtliche Prognose — je nach Berichtsjahrgang unter oder knapp über dem Versprechen. Das Klischee, wonach deutsche Großprojekte im Bau grundsätzlich explodieren, hat ausgerechnet an dem Projekt keinen Halt, an dem es sich bewähren müsste. Es explodieren einzelne. Und dass wir bis heute nicht sicher sagen können, was Hannover–Berlin am Ende gekostet hat, ist selbst Teil der Antwort.
Denn dieser Buchwert wandert immer noch. Die Strecke fährt seit 1998. Trotzdem stieg der amtlich ausgewiesene Betrag zwischen zwei Sachstandsberichten des Bundes — Juli 2023 und Juli 2024 — von 2.684 auf 2.946 Millionen Euro. Das sind 262 Millionen Euro an einem Projekt, das seit einem Vierteljahrhundert fertig ist. Das Projektblatt daneben ist, abgesehen von einer Spaltenüberschrift, textgleich. Es trägt keine Fußnote, kein Sternchen, keine Erläuterung. In beiden Jahren steht in derselben Zeile: noch zu investieren, null.
Der naheliegende Verdacht — irgendeine Preisanpassung über alle Projekte — hält nicht. Die drei anderen fertiggestellten Verkehrsprojekte Deutsche Einheit auf der Schiene stehen zwischen genau denselben zwei Berichten auf den Euro still: 318 bleibt 318, 271 bleibt 271, 913 bleibt 913. Es ist keine Indexierung und kein Umbau der Reihe. Es ist ein einzelnes Projekt.
Die Auflösung ist unspektakulär und genau deshalb interessant. Diese »Gesamtinvestition« ist gar kein historischer Festwert. Der Bericht sagt in seinen eigenen Vorbemerkungen, sie werde auf Grundlage der jährlich genehmigten Unternehmensplanung der Eisenbahninfrastrukturunternehmen eingestellt; die Kosten würden »jährlich präzisiert«. Was aussieht wie die Schlussrechnung eines abgeschlossenen Bauwerks, ist eine laufende Meldung.
Bleibt die Frage, warum ausgerechnet hier. Sie ist offen, und wir lassen sie offen. Ob die 262 Millionen rückwirkend umgebucht oder 2023 tatsächlich ausgegeben wurden, lässt sich aus den Berichten nicht entscheiden — beide Spalten stiegen um denselben Betrag. Was sich sagen lässt: Der Apparat erklärt Kostensprünge durchaus. Dieselbe Drucksache begründet sie und nennt vier Projekte namentlich. VDE 4 steht nicht dabei.
Das ist kein Skandal, und wir schreiben ihn nicht dazu. Es ist etwas Nüchterneres, das diesen ganzen Abschnitt einrahmt: Wer über Baukosten streiten will, braucht eine Zahl, die stillsteht. Bei einem der bestdokumentierten Projekte des Landes steht sie sechsundzwanzig Jahre nach der Eröffnung immer noch nicht still.
Vermerk vom 14. September 2026. Im Absatz über die zwei Ehrlichkeiten stand bis heute, das Hochhaus-Kostenpaar bestätige die Richtung »dreimal unabhängig«. Gemessen ist, dass drei Bauarten in dieselbe Richtung zeigen; woran die drei voneinander unabhängig wären, ist nicht gemessen. Das Wort ist gestrichen, der Satz sagt jetzt, was gemessen ist.
Quelle Verkehrsministerium Baden-Württemberg (veranschlagte Kosten Wendlingen–Ulm), Cour des comptes 2014 (LGV-Baukosten je km), BMV-Sachstandsbericht VDE 2025 (VDE 8.2), BMDV/Verkehrswegeinvestitionsbericht 2024 (Bundesanteil) und RFF/CGEDD Bilan LOTI 2013 (LGV Est)
Wie wir gemessen haben
Jede Tempozahl dieses Issues hängt an einer Definition von »Baubeginn« — wir legen sie offen, weil sie die Ergebnisse um Jahre verschieben kann.
Jede Zahl in diesem Issue hat dieselbe Form: eine Länge geteilt durch eine Zeit. Die Länge ist selten strittig. Die Zeit ist es fast immer.
Ein Bahnprojekt hat keinen natürlichen Anfang. Es hat einen Kabinettsbeschluss, einen Bedarfsplan, eine Raumordnung, eine Genehmigung, einen Finanzierungsvertrag, einen symbolischen Spatenstich und irgendwann den ersten Bagger, der wirklich gräbt. Zwischen dem ersten und dem letzten dieser Punkte liegen bei den Projekten hier regelmäßig zwei Jahrzehnte. Wer die Bauzeit eines Projekts angibt, hat also vorher etwas entschieden, und diese Entscheidung ist meist unsichtbar.
Wir haben uns durchgehend für den engsten Anker entschieden: vom Baubeginn bis zur Inbetriebnahme, Kalenderzeit, ohne Bereinigung. Das ist die Wahl, die Deutschland am besten aussehen lässt — alles, was vorher schiefgeht, zählt nicht mit. Genau deshalb ist sie die richtige: Ein Befund, der auch unter der für ihn ungünstigsten Rechnung hält, ist der einzige, der etwas wert ist. Was vor dem Spatenstich verloren geht, steht separat in Abschnitt 40, und dort ist es die eigentliche Nachricht.
Drei weitere Regeln haben wir uns selbst auferlegt.
Nur faire Paare. Ein Flachlandprojekt wird gegen ein Flachlandprojekt gestellt, ein Tunnelprojekt gegen ein Tunnelprojekt. Der berühmte Faktor zehn aus dem ersten Abschnitt überlebt diese Regel nicht, und wir zeigen ihn trotzdem — als das, was er ist: eine Zahl, die stimmt und in die Irre führt.
Kalenderzeit heißt Kalenderzeit. Ein mehrjähriger Finanzierungsstopp mitten im Bau bleibt in der Zahl drin. Er wird benannt, nicht herausgerechnet. Eine bereinigte Bauzeit misst, wie schnell gebaut würde, wenn nichts dazwischenkäme — die Frage dieses Issues ist aber, wie lange es dauert, wenn etwas dazwischenkommt.
Rohe Operanden vor fertigen Quotienten. Wo wir zwei Tempi ins Verhältnis setzen, rechnen wir aus Länge und Monaten, nicht aus zwei bereits gerundeten Ergebnissen. Der Unterschied ist klein und selten sichtbar — beim Faktor des ersten Abschnitts verschiebt er das Ergebnis von 9,79 auf 9,69, beides »rund zehnmal«. Sichtbar wird er erst dort, wo er eine Ziffer kippt, und dann ist es zu spät, ihn nachträglich einzuführen.
Erstens: nominale Beträge. Alle Kostenzahlen sind Preisstände verschiedener Jahre ohne amtliche Inflationsbereinigung. Sie tragen Größenordnungen, keine Faktoren.
Zweitens: kleine Fallzahlen. Sechs französische und vier deutsche Strecken sind keine Statistik, sondern eine Sammlung. Wir zeigen deshalb keine Trendlinien und keine Durchschnitte, wo Einzelfälle gemeint sind.
Drittens: die Quellen sind ungleich scharf. Für die LGV SEA existiert kein taggenauer Baubeginn — nicht einmal beim Bauherrn, der ihn in drei eigenen Dokumenten unterschiedlich datiert. Wir haben das lange als Lücke geführt und dann etwas Besseres gefunden: Der Konzessionär publiziert die Dauer selbst, 66 Monate. Unsere frühere obere Lesart von 61 Monaten ist damit nicht mehr eine gleichberechtigte Variante, sondern von der Quelle überstimmt. Sie steht in diesem Essay nirgends mehr.
Viertens: die Vergleichbarkeit endet an der Topographie. Der sauberste Test — deutsches Flachland der 1990er gegen deutsches Flachland der 2010er — ist nicht durchführbar. Nicht, weil uns die Daten fehlen, sondern weil es das zweite Projekt nicht gibt: Von 59 Vorhaben des Bedarfsplans hat kein einziges in den 2010er oder 2020er Jahren im Flachland neu gebaut. Wir haben das nachzählen lassen, statt es zu behaupten. Dass die Antwort null lautet, ist selbst ein Befund dieses Issues — und einer, den wir lieber nicht gehabt hätten.
Wo eine Zahl auf schwachen Füßen steht, steht das im Text daneben, nicht in einer Fußnote. Der Abschnitt über die anderen Bauarten trägt die niedrigste Vertrauensstufe dieses ganzen Issues, und man sieht es ihm an. Das ist keine Nachlässigkeit, die wir eingestehen, sondern die Bauweise: Wir zeigen lieber eine Zahl weniger als eine, die einer Quellenprüfung nicht standhält.
Offen an dieser Stelle
- Für die Rohbau-Abgrenzung der LGV SEA nennt LISEA das Ende des Génie civil mit Juli 2016, VINCI mit dem 06.07.2015 — zwei Abgrenzungen desselben Gewerks, ein Jahr auseinander. Welche gilt? Betroffen ist die Rohbau-KPI (38 Monate), nicht die Gesamtkalenderzeit und damit nicht die 4,6 km/Monat. → researcher
Hier entsteht eine Figur. Ihre Form ist entschieden, sie ist noch nicht gezeichnet. Sie soll zeigen: Dass ein und dasselbe Projekt je nach gewähltem Startpunkt drei verschiedene »Bauzeiten« hat — und dass die Wahl des Startpunkts eine Entscheidung ist, keine Messung.
Quelle Redaktionstext ohne eigene Primärquelle — er beschreibt das Verfahren hinter den Findings dieses Issues; jede darin genannte Zahl steht mit ihrem Beleg in den Abschnitten 10 bis 80